Unter der Ankündigung des FC St. Pauli, das Sujet „Herz von St. Pauli“ weiter zu untersuchen, hat ein lieber Bekannter, Andreas Wietholz, das Dilemma des Diskurses so klar beschrieben, dass ich mit seiner Erlaubnis seine Gedanken hier reposte und weiterführe. Denn es ist eines dieser Themen, das nicht nur an der Oberfläche kratzt, sondern mitten hinein in die Frage, wie wir uns als Gemeinschaft verstehen, wie wir Kunst begreifen und warum wir manchmal vor einem schönen Lied verzweifelt stehen, als stünde dort gleichzeitig ein Spiegel, der unsere dunkelsten Ecken zeigt.
Einleitung: Das Dilemma der Enthüllung
Da ist dieses Lied. Seit zwei Jahrzehnten Teil eines kollektiven Bewusstseins. Eine Hymne, die Menschen verbindet. Jeder kennt es. Jeder summt es. Jeder singt mit, ohne groß nachzudenken. Und dann: Der Schock. Der Schöpfer war ein überzeugter Nationalsozialist.
Plötzlich ist kein Ton mehr nur ein Ton. Keine Melodie nur eine Melodie. Jeder Akkord trägt jetzt ein Gewicht, das größer ist als seine Harmonie. Der Konsens ist ins Wanken geraten. Und wir stehen da, kollektiv verunsichert, wie Menschen, die merken, dass ihr Kompass keine Nordrichtung mehr kennt.
Die Trennung von Werk und Schöpfer
Ein beliebter Denkansatz im Diskurs ist die sogenannte Werk-Schöpfer-Trennung. Im akademischen Jargon heißt das „Death of the Author“ – ein Konzept von Roland Barthes, das postuliert, dass ein Kunstwerk, einmal in die Welt entlassen, fortan unabhängig von seinem Schöpfer betrachtet werden kann.
Theoretisch klingt das elegant: ein autonomes Artefakt, eine schöne Schöpfung, losgelöst vom moralischen Biographismus des Urhebers. Aber im Kopf eines modernen Publikums ist Kunst nie vollkommen vakuumisiert. Kunst ist immer auch Erinnerung, Erfahrung, Kontext. Ein Lied wird nicht einfach ausgekoppelt, in ein Regal gelegt und vom Meta-Ursprung befreit. Kunst ist Erinnerung in Bewegung.
Wenn der Autor ein überzeugter Nationalsozialist war – also jemand, der eine menschenverachtende Ideologie nicht nur teilte, sondern aktiv propagierte – dann stellt sich die Frage: Trägt dieses Werk Spuren dieser Weltanschauung? Und selbst wenn es inhaltlich neutral erscheint, trägt es nicht doch den Schatten dessen, der es geschaffen hat?
Die moralische Verantwortung der Rezeption
Wir müssen hier über Verantwortung sprechen. Nicht die lästige, obligatorische Sonntagsrede über Ethik. Sondern die Verantwortung, die jede und jeder Einzelne von uns übernimmt, wenn er oder sie dieses Lied weiterhin singt.
Denn Rezeption ist niemals passiv. Rezeption ist Teilhabe. Jeder, der mitsingt, weiterleitet, reproduziert, stimmt damit ein Stück weit in ein Narrativ ein. Ob bewusst oder unbewusst – die Entscheidung liegt bei uns. Unterstützen wir retrospektiv den Urheber? Finden wir uns in seinem moralischen Universum wieder, obwohl wir seine Ideologie ablehnen?
Ein historisch vergleichbares Beispiel liefert Richard Wagner. Seine Musik ist ein Meilenstein der klassischen Komposition. Doch wagnerische Partituren sind schwer zu hören, ohne sich bewusst zu machen, dass ihre Rezeption im 20. Jahrhundert von nationalsozialistischem Gedankengut mit instrumentalisiert wurde. Viele Orchester spielen Wagner weiterhin, aber mit kritischen Einordnungen, Kontextualisierungen und Diskussionen. Hören heißt hier nicht wegschauen.
Der kulturelle Wandel eines Kunstwerks
Vielleicht aber kann ein Werk auch eine zweite Chance bekommen. Vielleicht kann ein Lied, dessen Ursprung problematisch ist, durch Jahrzehnte der Aneignung, Umdeutung und Neukontextualisierung zu etwas Eigenem werden.
Der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins prägte den Begriff der „Memetik“. Danach bewegen sich kulturelle Elemente wie Meme durch die Gesellschaft, verändern ihre Bedeutung, schleifen Kanten ab, kristallisieren neue Inhalte heraus, je nachdem, wie sie rezipiert und weitergegeben werden. Ein Meme ist nicht statisch. Es ist ein Wanderer.
Das bedeutet: Ein Lied, das ursprünglich von einem fragwürdigen Komponisten stammt, kann durch die jahrzehntelange Aneignung einer Gemeinschaft mit neuen, positiven Bedeutungen aufgeladen werden – sofern das Lied selbst keine explizit problematischen Inhalte transportiert.
Wenn es also nicht ideologisch aufgeladen ist, wenn es keine propagandistische Funktion hatte und wenn generationsübergreifende Gemeinschaften es längst mit neuen Bedeutungen besetzt haben, dann könnte argumentiert werden, dass es nicht mehr „seinem Erfinder gehört“, sondern als Teil des kollektiven kulturellen Gedächtnisses weiterlebt.
Pragmatismus vs. Prinzipienfestigkeit
Die Diskussion verläuft oft entlang zweier Lager: derjenigen, die prinzipientreu argumentieren und diejenigen, die pragmatisch denken.
Die prinzipientreue Position sagt: Egal wie schön, egal wie beliebt – wenn es von einem Nazi stammt, sollte es nicht weiter gesungen werden. Punkt. Weil es sonst implizit die Grenze verwischt und das tendenziell Verwerfliche mit dem Positiven gleichsetzt. Für diese Haltung ist Moral nicht verhandelbar.
Die pragmatische Gegenposition fragt hingegen, ob ein vollständiger Verzicht auf dieses Lied nicht eher einer überzogenen „Cancel Culture“ entspricht – einer Kultur des Ausschlusses, die historische Komplexität nicht anerkennen will. Wenn das Werk selbst ideologisch neutral und künstlerisch eigenständig ist, dann kann es einen Wert jenseits seiner Entstehungsgeschichte haben.
Zwischen Affirmation und Reflexion
Das Dilemma lässt sich also nicht auf eine einfache Formel bringen. Es gibt keine ultimative, philosophisch unfehlbare Antwort. Stattdessen müssen wir unser Bewusstsein schärfen:
- Was bedeutet es, in einem kollektiven Gedächtnis weitergesungen zu werden?
- Kann ein Lied durch seine Aneignung tatsächlich von seiner belasteten Herkunft emanzipieren?
- Welche Verantwortung tragen wir, wenn wir ein Werk weiterhin singen, ohne seine Geschichte zu reflektieren?
Die wohl sinnvollste Haltung ist diejenige, die weder blind affirmiert noch reflexartig verwirft. Eine Haltung, die das Lied hören kann, aber nicht ohne Bewusstsein. Eine Haltung, die erkennt, dass Kunst niemals statisch ist, sondern immer Teil eines größeren Diskurses bleibt.
Kritische Einordnung statt Verdrängung
Vielleicht ist der Schlüssel nicht im Verbot zu suchen, sondern in der kritischen Einordnung: Statt das Lied still zu begraben, könnten wir es in einen Kontext setzen, der seine Entstehungsgeschichte nicht verleugnet. Vielleicht braucht es Anmerkungen, Begleittexte, Gespräche über historische Verstrickungen. Nicht um zu verurteilen, sondern um zu verstehen.
Denn Kunst ist nicht nur schön oder hässlich. Kunst ist ein Spiegel. Manchmal ist dieser Spiegel angenehm, manchmal scharfkantig. Und wenn wir ihn fortwährend polieren, sollten wir wissen, worauf wir polieren – nicht wegschauen, nicht romantisieren, nicht verschweigen.
Fazit: Bewusstsein als ästhetische Bedingung
Ein Lied, das in den Herzen der Menschen längst zu etwas Eigenständigem geworden ist, sollte nicht vorschnell begraben werden. Doch man sollte es auch nicht unkritisch weiterführen, als wäre nichts gewesen.
Vielleicht liegt die Antwort nicht in einem Entweder-Oder, sondern in einem Sowohl-Als-Auch: in einem bewussten Singen statt einem gedankenlosen Mitsingen. In einer Haltung, die erinnert, ohne zu verhärten. In einer Kultur, die nicht vergisst, warum sie singt.
Denn am Ende ist Kunst keine isolated zone zwischen Himmel und Erde. Kunst ist Geschichte, Erinnerung und Verantwortung – und das Lied in unseren Stimmen sagt mehr über uns aus als über den, der es einst schrieb.
Die ethische Krise des schönen Liedes: Kunst, Moral und der Schatten der Vergangenheit
Einleitung: Das Dilemma der Enthüllung
Ein Lied, das seit Jahren gesungen wird. Eine Hymne der Gemeinschaft. Ein Sound, der zu feiern scheint, was man liebt: Verein, Stadtteil, Zugehörigkeit. Und dann die Enthüllung: Der Komponist war überzeugter Nationalsozialist.
Plötzlich kippt die Stimmung. Aus Klang wird Frage. Aus Tradition wird Unsicherheit. Aus Mitsingen wird Nachdenken. Und mitten im Stadion oder in der Kneipe spürt man es: Es brennt ein Zweifel zwischen den Zeilen, den niemand einfach wegwischen kann.
Wie gehen wir damit um?
Die Trennung von Werk und Schöpfer
Die klassische Idee, das Werk vom Schöpfer zu trennen, wirkt auf den ersten Blick komfortabel. Kunst ist Kunst, Mensch ist Mensch. Theorie: Das Werk löst sich vom Biographischen, wird frei, eine autonome Entität. Barthes nannte das den Tod des Autors. Doch das Publikum hat den Autor nie ganz beerdigt. Er geistert mit. Gerade dort, wo Geschichte toxisch geworden ist.
Man kann versuchen, sich vorzustellen, dass ein Lied neutral existiert. Doch Kunst entsteht in Räumen, in Milieus, in Weltbildern. Musik wird von Händen komponiert, die politisch handeln, sozial leben, Teil von Systemen sind. Manchmal trägt die Kunst einen unsichtbaren Abdruck dieser Systeme.
Das bedeutet nicht, dass jedes Werk zwangsläufig ideologisch verseucht ist. Aber es bedeutet, dass wir nicht naiv sein dürfen.
Die moralische Verantwortung der Rezeption
Der zweite Schritt ist unbequem: Wir tragen Verantwortung. Nicht für das, was damals gedacht wurde. Aber dafür, wie wir heute damit umgehen.
Rezeption ist keine harmlose Beschäftigung. Wer singt, legitimiert. Wer wiederholt, verstärkt. Wer pflegt, überliefert.
Deshalb fragen viele: Unterstützen wir rückwirkend einen Urheber, wenn wir seine Werke feiern? Vernebeln wir moralische Klarheit zugunsten von Nostalgie?
Der Vergleich zu Wagner liegt nah. Dort hat man gelernt, Werk und Kontext nebeneinander zu halten. Man spielt ihn. Man redet darüber. Man erklärt. Man lernt. Und man akzeptiert, dass Schönheit und Abgrund manchmal im selben Partiturheft wohnen.
Der kulturelle Wandel eines Kunstwerks
Kultur funktioniert nicht wie ein Safe. Kultur lebt. Bedeutungen verändern sich. Musik wandert durch Generationen und kleidet sich ständig neu.
Fans eignen sich Songs an, füllen sie mit eigenen Gesten, eigenen Ritualen, eigenen Geschichten. Aus einem Lied wird eine Praxis. Aus einer Praxis entsteht Gemeinschaft. Und diese Gemeinschaft kann ein Werk in eine neue Bedeutungsebene ziehen.
Die Frage ist nur: Reicht das? Wird Transformation zur Entlastung?
Vielleicht manchmal. Aber Transformation ersetzt nicht Reflexion. Wer umdeutet, muss wissen, wovon er sich wegbewegt.
Pragmatismus und Prinzipientreue
Es gibt die harte Position: Keine Kunst aus braunen Biographien. Keine Ästhetisierung von Schuld. Keine Zweideutigkeit.
Und es gibt die pragmatische Position: Wir leben in einer Welt, die von Geschichte durchzogen ist. Nichts ist sauber. Nichts ist unschuldig. Also arbeiten wir damit, kritisch, wach, reflektiert.
Das Spannungsfeld bleibt. Und vielleicht ist genau dieses Spannungsfeld die eigentliche Aufgabe.
Geschichte als Begleiter
Manchmal hilft es, über den Fußball hinauszuschauen. Überall stehen wir vor diesem Problem.
Picasso und seine Frauen. Heidegger und seine Nähe zum NS. Ezra Pound. Günter Grass. Roman Polanski. Michael Jackson. Überall dieselbe Frage: Was passiert mit Kunst, wenn Biographie brennt?
Keine dieser Debatten verläuft identisch. Und keine kommt zum endgültigen Ergebnis. Stattdessen entsteht etwas anderes: ein kulturelles Gedächtnis, das zu sprechen lernt.
Erinnerung statt Abwehr
Wir leben in einer Zeit, die gern schnell urteilt. Weg damit. Raus aus den Playlists. Archiv zu. Thema erledigt.
Aber Erinnerungskultur bedeutet, die Ränder nicht abzuschneiden. Sie bedeutet, sich der Zumutung auszusetzen. Das Objekt anzusehen, das einen irritiert. Den Widerspruch stehenzulassen.
Vielleicht ist das Lied weniger Problem als Chance. Es zwingt uns, über Kontinuitäten zu sprechen. Es zeigt, wie Brüche weiterklingen. Und es konfrontiert uns mit der Tatsache, dass Geschichte nicht hinter uns liegt, sondern in uns.
Kontextualisieren statt Tabuisieren
Was wäre also eine erwachsene Haltung?
Nicht verharmlosen. Nicht romantisieren. Nicht einfach weiterträllern. Aber auch nicht reflexartig verbieten.
Stattdessen einordnen. Erzählen. Beschriften. Historisieren. Einen Raum schaffen, in dem man weiß, was man da eigentlich singt. Wo der Ursprung sichtbar bleibt. Wo klar ist: Wir übernehmen das Lied nicht als ideologisches Erbe, sondern als Gegenstand der Auseinandersetzung.
Vielleicht brauchen Stadionansagen. Vielleicht Begleittexte. Vielleicht öffentliche Gespräche. Vielleicht Workshops. Kultur kann mit Verantwortung wachsen.
Die Rolle eines Vereins
Fußballvereine sind längst mehr als Sportbetriebe. Sie sind soziale Räume. Erinnerungsräume. Identitätsorte.
Der FC St. Pauli hat eine besondere Geschichte. Eine besondere Haltung. Eine Tradition der kritischen Selbstbefragung. Und genau hier liegt die Chance: Nicht defensiv reagieren, sondern offensiv aufklären. Nicht verschweigen, sondern transparent machen.
Ein Verein, der sich seiner Werte bewusst ist, kann dieses Thema tragen. Und zwar ohne moralischen Zeigefinger, aber mit klarem Kompass.
Was bleibt?
Am Ende stehen keine einfachen Antworten. Nur ein paar Leitlinien:
Wir können das Lied hören. Aber wissend. Wir können singen. Aber nicht vergessen. Wir können würdigen, ohne zu verherrlichen.
Kunst bleibt ambivalent. Geschichte bleibt unbequem. Und vielleicht ist genau diese Unbequemlichkeit ein Schutz davor, erneut blind zu werden.
Denn wer sorgfältig hinschaut, wer reflektiert, wer sich irritieren lässt, zeigt Respekt. Gegenüber den Opfern. Gegenüber der Wahrheit. Gegenüber der eigenen Verantwortung.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kraft dieses ganzen Diskurses: Er zwingt uns, neu zu fragen, was wir singen, warum wir singen und wem wir dabei begegnen.
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