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FC St. Pauli – Union Berlin: Es gibt keine Fanfreundschaft!

„Bei Union weißt du nie, was du bekommst. Der eine umarmt dich, der andere haut dir auf die Fresse.“

Tommy sagte das zu mir, während er den Rauch seiner Zigarette in die kalte Berliner Nacht blies, als wäre es seine letzte Seele. Tommy, ein Typ wie ein verwitterter Lattenzaun, der schon zu viele Winter gesehen hat. Und verdammt, er hatte recht. Es gibt keinen Club im bezahlten deutschen Fußball, zu dem das Verhältnis schizophrener, ambivalenter und verlogener sein könnte als zu diesem Verein aus Köpenick.

Blut, Eisen und die große Lüge der Brüderschaft: Ein Abgesang auf Union und St. Pauli

Da draußen wabert immer noch dieses grandiose Missverständnis durch die Fanschaften, klebrig wie verschüttetes Bier auf dem Stadionboden: Die Mär, dass der 1. FC Union Berlin und der FC St. Pauli so etwas wie Blutsbrüder seien. Seelenverwandte im Geiste des „Andersseins“. Bullshit.

Es gibt keine Blutsbrüderschaft. Es gibt nur das Missverständnis, das wir aus Nostalgie und Marketinggründen am Leben erhalten.

Das Feuer am Zaun: Das Ende der Romantik

Die Illusion wurde an einem Freitagabend nicht nur beerdigt, sie wurde verbrannt. Aufgenommen und auf die boshafte Spitze getrieben vom „Wuhlesyndicat“, dieser Ansammlung von Testosteron und Ost-Berliner Trotz. Es war ein Aprilscherz, sagten sie. Ein Banner: „FCU – St. Pauli Blutsbrüder“ – gefolgt von einem hämischen „April April“. Darunter hingen sie St. Pauli-Devotionalien über den Zaun. Geraubte Trophäen, Schals, Trikots, Fetzen von Identität, die sie anderen vom Leib gerissen hatten. Und dann zündeten sie es an.

Das Feuer fraß sich durch das Polyester, schwarzer Rauch stieg auf, und mit ihm verpuffte der letzte Rest dieser romantischen Verklärung, dass wir alle „Kult“ sind. Ich rege mich gar nicht mehr über „Scheiß St. Pauli“-Rufe auf. Habe ich noch nie. Das gehört zum Soundtrack, wie das Klirren von Flaschen. Ich finde es eher witzig, diese reflexartige Abneigung. Aber was mich anwidert, ist die Passivität. Mich regt auf, dass die Ordner – diese stoischen Wächter der Moral – danebenstehen, einen Meter vom Zaun entfernt, und zusehen, wie das Feuer brennt. Als wäre es ein Lagerfeuer der Gemütlichkeit und nicht eine Demonstration von Hass.

Es regt mich auf, weil ich Freunde habe, die in diesem schizophrenen Spagat leben. Die Unioner sind und St. Paulianer. Die versuchen, zwei Magneten zusammenzupressen, die sich abstoßen müssen. Und es regt mich auf, weil mir die hässliche Fratze Unions schon so lange ein Dorn im Auge ist, wie ein Splitter, der eitert. Der 1. FC Union und seine Fans schaffen es seit Jahren nicht, die Dumpfbratzen aus ihrem Stadion zu scheuchen. Mehr noch: Sie umhegen sie. Sie pflegen eine „unpolitische Grundtoleranz“, die nichts weiter ist als schlecht maskierte Denkfaulheit. Es ist eine Haltungsangst. Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht tolerant, er ist meistens nur nicht ganz dicht.

„Don’t call us Blutsbrüder.“ Meine Narben – physisch und seelisch – von Begegnungen mit Unionern sind mannigfaltig. Sie schmerzen, wenn das Wetter umschlägt oder wenn ich die Tabelle sehe. Also bitte, verschont mich mit dieser Brüderschafts-Lyrik.

Historische Irrtümer: Die Anatomie eines Missverständnisses

Um zu verstehen, warum wir uns heute an diesem Punkt befinden, müssen wir tiefer graben. Wir müssen zurückgehen in die Zeit, als Fußball noch nach Kohle und Schweiß roch und nicht nach VIP-Logen-Canapés.

Vor ein paar Jahren hatte ich eine Debatte mit den Jungs von @textilvergehen. Freundliche Unioner. Ja, die gibt es. Es ist wie bei einer exotischen Krankheit; nicht jeder Träger ist ansteckend, aber das Risiko bleibt. Damals, im Zuge der „Bluten für Union“-Aktion, als die Fans ihr eigenes Blut verkauften, um den Verein vor dem Ruin zu retten, gab es dieses Benefizspiel am Millerntor. Da wurden T-Shirts gedruckt. „Blutsbrüder“. Das verkaufte sich gut. Es passte in die Narrative: Die zwei letzten Bastionen des „Echten“ gegen den Kommerz-Moloch.

Aber schauen wir uns die DNA an. Union besitzt, im krassen Gegensatz zu St. Pauli, kein eindeutig politisches Profil. Das ist ihr Schutzschild und ihre Waffe zugleich. Sie wurden von linker Seite oft dafür kritisiert (Jungle World 2007: Ende eines Missverständnisses). Wo sind die Gemeinsamkeiten?

Ich selbst hatte erst wenige Berührungen mit der Union-Realität, die nicht in Gewalt endeten. Einmal in der Wuhlheide. Ich trug meinen Totenkopf unter dem Pullover. Nicht aus Stolz, sondern aus Angst. „Bei Union kann es so oder so laufen“, hatte mir ein Freund gesagt. „Entweder sie freuen sich, dich zu sehen, und saufen dich unter den Tisch, oder sie hauen dir eine rein.“ Das Problem ist: Du weißt nie, welches Gesicht dir entgegenblickt, bis die Faust fliegt oder das Bier kommt. Man kann die Gesichter nicht auseinanderhalten. Es ist ein Russisch Roulette der Fanfreundschaft.

Hier ein Zitat aus meinem Feed, das die Paranoia perfekt illustriert: „Bin 2002 mal zu ’nem Spiel mit 6-7 Leuten mit der Straßenbahn da angereist. Beim Umsteigen am Bahnhof Köpenick sind wir von ’ner ganzen Horde solcher Idioten mit einem Flaschenhagel empfangen worden und waren froh, dass dort einige Polizisten rumstanden. Es gibt allerdings genau so viele nette Fans von Union…“ – T. (Name der Redaktion bekannt).

Ein Flaschenhagel. Das Geräusch von zersplitterndem Glas auf Asphalt ist der wahre Sound von Köpenick, nicht das Weihnachtssingen. Und dann die Frage: „Sind die Guten nicht alle zum SV Babelsberg abgewandert?“ Vielleicht. Babelsberg ist das Auffangbecken für die, die den latenten Nationalismus und die dumpfe „Eisern“-Rhetorik nicht mehr ertragen haben. Solange Nina Hagen noch die Hymne krächzt, mag das Folklore sein. Aber darunter brodelt es.

Zwei Welten, die kollidieren

Lassen wir die Anekdoten beiseite und betrachten wir das Skelett dieser beiden Kreaturen. Der FC Union Berlin und der FC St. Pauli. Zwei Anomalien im deutschen Fußballsystem. Beide sonnen sich im Licht ihrer Einzigartigkeit, aber das Licht bricht sich in völlig unterschiedlichen Spektren.

1. Der Boden, auf dem wir stehen (Standort & Geschichte)

  • Union Berlin: Geboren 1906, gehärtet im Stahlbad der DDR. Köpenick ist nicht Berlin-Mitte. Köpenick ist Wald, Wasser und Arbeitersiedlung. Hier riecht es nach Schlosserfett und Kiefernnadeln. Union war der Stachel im Fleisch des BFC Dynamo, des Stasi-Clubs. Aber daraus abzuleiten, Union sei ein Widerstandsnest gewesen, ist eine romantische Überhöhung. Union war das Ventil. Man war „dagegen“, aber nicht zwangsläufig „dafür“. Heute spielen sie Champions League (oder träumen davon), ein modernes Märchen, erkauft mit Investorengeld und einer Professionalität, die dem alten Charme langsam die Luft abschnürt.
  • St. Pauli: 1910. Der Kiez. Hamburg. Hier riecht es nach Hafenbecken, Urin, teurem Parfüm und Marihuana. Das Millerntor ist kein Stadion, es ist ein soziokulturelles Experimentierfeld, das zufällig einen Rasen in der Mitte hat. St. Pauli ist der ewige Fahrstuhlfahrer, der sich weigert, oben zu bleiben, weil die Luft da oben zu dünn für die Prinzipien ist. Oder weil wir einfach schlecht spielen. Das ist Ansichtssache.

2. Die Liturgie der Massen (Kultur & Fanszenen)

  • Union: „Eisern Union“. Das klingt nach Preußen, nach Disziplin, nach Schmiedehammer. Die Treue ist bedingungslos, fast schon religiös im Sinne eines alten, strafenden Gottes. Sie singen, sie klatschen, sie warten nach Abpfiff. Es ist eine Gemeinschaft des Leidens und des Stolzes. Die Arbeitertradition wird hier wie eine Monstranz vor sich hergetragen, auch wenn der durchschnittliche Fan heute vielleicht Grafikdesigner in Prenzlauer Berg ist.
  • St. Pauli: Hier ist Fußball Politik. Die Kurve ist das Parlament. Antirassismus, Antifaschismus, Homophobie-Bekämpfung – das steht nicht nur auf Flyern, das wird gelebt (und manchmal auch anderen aufgezwungen). Der Totenkopf ist längst eine globale Marke, so allgegenwärtig wie das Coca-Cola-Logo, was die eigene antikapitalistische Haltung in eine wundervolle Ironie taucht. Wir sind die Guten. Und wir lassen dich das wissen. In jedem verdammten Moment.

3. Das Glaubensbekenntnis (Identität & Werte)

  • Union: Wir sind die Underdogs. Wir sind der Osten. Wir lassen uns nicht kaufen (außer wir müssen). Der Zusammenhalt ist tribalistisch. „Wir gegen die“. Wer nicht für uns ist, ist ein Feind.
  • St. Pauli: Wir sind die Weltverbesserer. Wir sind bunt. Wir tolerieren alles, außer Intoleranz (und manchmal abweichende Meinungen in den eigenen Reihen). St. Pauli ist ein moralischer Kompass in einer Branche, die ihre Seele längst an Scheichs und Oligarchen verkauft hat.

4. Der Feind meines Feindes (Rivalitäten)

  • Union: Hertha BSC. Das Berliner Derby. West gegen Ost, Geld gegen Herz (so die Erzählung). Aber eigentlich ist Hertha so dysfunktional, dass Mitleid angebrachter wäre als Hass.
  • St. Pauli: Der HSV. Der Dinosaurier, der endlich ausgestorben ist und nun als Zombie in der zweiten Liga wandelt. Diese Rivalität ist tief, sie ist klassenkämpferisch. Der feine Herr aus Eppendorf gegen die Zecke vom Kiez.

Die Illusion des „Kult-Clubs“ und die politische Realität

Gemeinsamkeiten? Ja, sicher. Beispielsweise diese fast schon manische Erkenntnis, dass die Fans den Verein ausmachen. Das ist der Kitt, der alles zusammenhält. In Zeiten der existenziellen Krise, wenn der Abgrund droht, dann mobilisieren sich diese Massen. Union renoviert die Alte Försterei mit eigenen Händen – eine Leistung, vor der ich den Hut ziehe, auch wenn ich den Verein verachte. St. Pauli startet Retter-Aktionen, verkauft „Retter-T-Shirts“ und braut „Retter-Bier“. Das ist kultstiftend. Das ist die Magie, die den modernen Fußball noch erträglich macht.

Aber hier endet die Parallele. Der wesentliche Unterschied, der Graben, der nicht zugeschüttet werden kann, ist die Politik. Auf St. Pauli herrscht der Konsens: Fußball ist politisch. Punkt. Wenn 29.000 Menschen im Stadion brüllen und saufen und leiden, dann ist das ein politischer Akt. Man inszeniert sich. Man bezieht Stellung. Union? Union windet sich. Union will „nur Fußball spielen“. Das ist die größte Lüge des Sports. „Keine Politik im Stadion“ ist der Schlachtruf derer, die den Status quo nicht gefährden wollen. Und der Status quo ist oft genug braun gefärbt.

Wenn ich die Artikel in der Jungle World und meine eigenen blauen Flecken zusammenrechne, dann sehe ich ein Muster: Beim 1. FC Union Berlin wurde die Diskussion über Rechtsradikalismus in den eigenen Reihen zu oft vermieden, ausgesessen, weggelächelt. „Das sind doch nur wenige.“ – „Das ist keine Politik.“ Bullshit. Einer der wesentlichen Gründe, warum der FC St. Pauli trotz seiner nervigen Streitkultur so geeint wirkt, ist der minimale Konsens, auf den wir uns geeinigt haben: Kein Fußbreit den Faschisten. Wir bewegen uns nicht mit Rassisten. Wir versuchen, den Sexisten in uns zu zähmen (was schwer genug ist, Gott weiß es). Uns eint das Bekenntnis zu einer politischen Streitkultur.

Bei Union toleriert man den Nebenmann, auch wenn er Scheiße labert, solange er „Eisern“ brüllt. Das ist keine Toleranz. Das ist Gleichgültigkeit.

Der Ausverkauf der Seele

Schauen wir uns die Gegenwart an. Union Berlin ist erfolgreich. Sie haben den Pakt mit dem Teufel geschlossen, und der Teufel zahlt gut. Der Ausverkauf an den Finanzmarkt, die Sponsorendeals, die Paramount+-Logos auf der Brust – das hat ihnen sportlichen Erfolg beschert. Sie spielen international. Sie reisen nach Madrid und Neapel. Aber um welchen Preis?

Meiner bescheidenen, vielleicht verbitterten Meinung nach hat sich Union damit aus der Gemeinschaft der „coolen“, alternativen Vereine verabschiedet. Sie sind jetzt Teil des Establishments. Sie sind das, was sie immer bekämpft haben. Sie sind ein Wirtschaftsunternehmen mit angeschlossener Folklore-Abteilung. Die Alte Försterei wird ausgebaut, modernisiert, monetarisiert. Die Stehplätze bleiben, ja, das ist ihre heilige Kuh. Aber drumherum wächst die gläserne Fassade des modernen Fußballs.

St. Pauli kämpft denselben Kampf, sicherlich. Auch wir haben VIP-Logen (die wir „Separees“ nennen, als würde das den Kapitalismus sexier machen). Auch wir haben Sponsoren. Aber der interne Kampf, das ständige Hinterfragen, das qualvolle Ringen um die eigene Identität – das spüre ich am Millerntor jeden Tag. Bei Union spüre ich nur den Hunger nach mehr Erfolg.

Fremde im selben Zug

So gesehen haben der FCU und der FCSP nur vordergründig viele Gemeinsamkeiten. Es ist wie bei Zwillingen, die bei der Geburt getrennt wurden: Der eine wurde Sozialarbeiter, der andere Investmentbanker mit einem Hang zu Kneipenschlägereien.

Blutsbrüder sind ihre Fans sicher nicht. Wir sind nicht einmal entfernte Cousins. Wir sind Fremde, die sich zufällig im selben Zugabteil wiederfinden, sich misstrauisch beäugen und hoffen, dass der andere nicht zuerst das Messer zieht oder anfängt, über Politik zu reden.

Es gibt Leute, die meinen, dorthin – in diese Zone der Beliebigkeit und des Erfolgs um jeden Preis – hätte sich Hertha Berlin auf den Weg gemacht. Aber Hertha hat sich auf dem Weg verlaufen. Union ist angekommen. Und St. Pauli? St. Pauli steht am Bahnsteig, raucht eine Selbstgedrehte und überlegt, ob man überhaupt einsteigen soll.

Vielleicht ist es besser so. Behaltet eure Blutsbrüderschaft. Behaltet eure unpolitische Kurve. Wir behalten unsere Neurosen, unsere Niederlagen und unser verfluchtes politisches Gewissen.

Am Ende des Tages, wenn das Flutlicht ausgeht, bleibt nur die Erkenntnis: Der eine umarmt dich, der andere haut dir auf die Fresse. Und ich habe keine Lust mehr, darauf zu warten, welche Hand sich heute hebt.

Please, do not call us Blutsbrüder.



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Comments

Eine Antwort zu „FC St. Pauli – Union Berlin: Es gibt keine Fanfreundschaft!“

  1. Avatar von Wolfgang Rheinländer
    Wolfgang Rheinländer

    Seit 1970 St. Pauli Fan.

    einmal St. Pauli – immer St. Pauli !

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