Jaja, die Hoffnung, und die Liebe. Beides geht zuletzt und im Falle des FC St. Pauli wird wohl auch beides bleiben – oder wiederkommen. Denn die Hoffnung schwindet, bei uns im Podcastteam, dass der FC St. Pauli den Klassenkampf gewinnen und die Relegation gewinnen könnte. Warum?, weil die Mannschaft, weil der ganze Verein den Kampf einfach nicht annehmen will.
Chapters
- 1:02 Der kleine Zwischenruf von der Ostsee
- 2:38 St. Pauli im Abstiegskampf
- 7:54 Die Probleme im Team
- 10:15 Teambuilding ohne Trainer
- 13:11 Der Verein und seine Prinzipien
- 15:27 Die Hoffnung bleibt
- 16:31 Ein Aufruf zum Handeln
Vieles erinnert an vergangene Abstiege, die Unfähigkeit, Tore zu schießen oder ein überlegen geführtes Spiel mit einem Sieg abzuschließen, wie einst gegen die Stuttgarter Kickers. Aber auch in der dahin nieselnde Abstieg 2011, als Stani das Team und den Verein für die eigene Karriere im Stich lies, kann man Muster erkennen, die sich dieses Jahr wiederholen.
Ein paar Gründe, warum ich skeptisch bin, was die so genannte Crunchtime der Saison angeht:
1. Das ist kein Team, sondern eine Gruppe Profis …
Jackson Irvine und Hauke Wahl hatten sich nach dem verdienten Heimsieg der Heidenheimer Abstiegsverweigerer einiges zu sagen und das gestenreich; leider kann ich kein Lippenlesen – und doch ahne ich, worum es ging. “Unzusammenhängend” hätte man gespielt, sagte Irvine der Mopo in der Mixed Zone. Was sich wie “jeder für sich” liest, ist wohl auch so gemeint. Eine Gruppe von Einzel-Ich-AGs, die am Ende einer aufreibenden Saison mindestens unterbewußt schon an den Abflug denken?
Jackson Irvine ist zwar in der Lage, seine Nebenleute besser zu machen, selbst wenn er selbst keine herausragende Leistung bringt – aber das ganze Team zusammenhalten, das kann er nicht allein. Vielleicht ging es darum im Gespräch mit Hauke Wahl, der in den letzten Spielen auch untypisch patzt. Über einen Elfmeter hätte er sich bspw. nicht beschweren können.
2. Zu weit weg, zu spät, zu oft zu wenig
Schüsse, die im gegnerischen Block hängen bleiben, Pässe ins Nirgendwo. Startende Außen ohne Zuspiel. Keine Lösung gegen schnelle Spieler, keine Schnelligkeit bei eigenen Aktionen. All das ist St. Paulis Alltag seit dem guten Beginn der Saison. Es gibt keinen Fortschritt im Team, keine Abläufe, die gelernt (trainiert!) aussehen – oder so seltene, dass sie gleich im Gedächtnis bleiben, wie das singuläre Steilschicken von Hotondji durch Sinani.
Blessin kann es nicht
3. Kein Teambuilder; Blessin mag ja einiges können, Teambuilding kann er nicht
Die Farce um Dapo Afolayan kann man anders bewerten als ich, meinetwegen, allerdings zeigte sich dort schon, dass Alex Blessin niemand ist, der kritisches Verhalten von Spielern im Team klärt. Er hat Dapos vermeintliches Fehlverhalten an die Öffentlichkeit gezerrt, er hat diesen Spieler aus einer externen Haltung kritisiert, ohne dass Maßnahmen zur teaminternen Regelung sichtbar wurden. Das ist ein Muster, das Zombie-Coaches auszeichnet; immer sind andere Schuld, tun nicht das, was das Trainerteam verlangt. Zuletzt sprach Blessin davon, dass er der Mannschaft alles vorher briefte, sie – so verstehe ich das – zu doof waren, seinen Matchplan umzusetzen. Dass sich das mit dem Begriff “Jolly” – eigene Jollies, die kurzen, nicht die langen; die gegnerischen Jollies locken usw. – sogar ganz lustig anhört, überschminkt den Resonanzverlust, den wir zwischen Trainer und Mannschaft vorgeführt bekommen.
Teambuilding geht nicht in der Krise
Eine beinahe nebensächliche Episode unterstreicht meinen Eindruck, dass wir in diesen Klassenkampf ohne funktionierendes Team gehen: Der Teamabend ohne Coach. Hauke Wahl erzählt im Hamburger Abendblatt, dass
… es Teambuilding nicht permanent gibt, sondern nur als Ausnahme in der Krise – so löpt das aber nicht: “In meiner ersten Saison 2023/24 haben wir es mit Hinnerk (Podcast Gast Hinnerk Smolka) regelmäßig gemacht. In der Crunchtime der Saison haben wir es geschafft, dass er das Gespräch gar nicht mehr moderieren musste. …Es ist wichtig, dass eine Mannschaft Dinge auch unter sich klärt, ohne dass noch zehn weitere Menschen dabei sind”.
Oke, Bornemann und der ganze Verein schwimmt auf der “Wir machen das anders”-Welle
Wir sind der etwas andere Verein, der sich den angeblichen Gesetzmäßigkeiten des Profifußballs nicht unterwerfen will. Das finde ich ja gut, aber nur solange, wie dieser Anspruch nicht zum Stockholm Syndrom mutiert, zur leeren Hülse, die die Realität ausblendet und überfällige Handlungen nicht in Gang bringt.
Der Millernton schreibt von einem “sportlichen Offenbarungseid” – und hat imho recht; nur die Konsequenz daraus, die bleibt aus. Normalerweise initiiert der Offenbarunsgeid den geordneten Versuch, in letzter Minute noch das Ruder unter der Leitung eines Insolvenzverwalters herum zu reißen – mit denselben Mitarbeitern – nur nicht mit dem bisherigen Management. Analog bedeutet das: für die verbleibenden drei plus zwei (da war sie wieder die Hoffnung) einen neuen Impuls setzen; Blessin entlassen (oder nach Wolfsburg verkaufen?) und eine:n Retter:in oder Perspektivtrainer:in für die 2. Liga benennen.
Fakt ist – das sagen Spieler und Trainer selbst: jeder macht sein Ding, keiner spielt als Team und auf den Trainer hören sie schon lange nicht mehr – hallo?, wieviel Grund braucht ihr noch?
… und dann ist da ja noch der VfL Wolfsburg
Nach kicker-Informationen gräbt unser Endgegner dieser Saison – nachdem es bereits im Winter Gerüchte um Blessin gab – an Hauke Wahl herum. Es ist bezeichnend für den Zustand dieses Teams, dass ich mir das tatsächlich vorstellen kann. Rette sich, wer kann.
Was ich voriges Jahr als kommunikativen Dirty Talk von hinter uns wahrgenommen hätte, passt leider diese Saison ins Schauerbild.
Und nu?
Ich werde St. Paulianer bleiben, auch wenn ich hier analysiere, schimpfe und mich wundere; wir werden absteigen oder vielleicht auch nicht. Trotz, mit Rotz und Ruhe werde ich am Sonntag mitbringen ans Millerntor, wenn wir in der zugigen Ecke doch noch ein Unentschieden feiern können, als wäre es ein Sieg – nur um das Leiden ein wenig zu verlängern … denn: an unserem, an eurem Support hat es sicher nicht gelegen.
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