Schiri, Wir Wissen Wo Dein Auto steht

… Fahr Bus und Bahn.

… Fahr Bus und Bahn. Schiri Exner „Schiebergott“, fahr Bus und Bahn … Fahr Bus und Bahn.

Schiri Exner „Schiebergott“, fahr Bus und Bahn …

Fahr Bus und Bahn. (Irgendwie muss man den Frust ja verarbeiten – ich habe das mit einem kleinen Remix eines alten Chants getan ;))


Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht – Eine Litanei gegen die Kleingeistigkeit

… Fahr Bus und Bahn. Schiri Exner „Schiebergott“, fahr Bus und Bahn … Fahr Bus und Bahn.


Kiel, 08:00 Uhr: Die Kälte vor dem Sturm

Der Tag kroch aus dem Meer wie ein nasser Hund, der sich auf deinem besten Teppich ausschütteln will. Kiel empfing mich nicht mit dem Glanz einer aufstrebenden Metropole, sondern mit zehn Grad weniger, als die menschliche Moral eigentlich vertragen kann. Ein klammer Westwind peitschte durch die Straßen, ein Wind, der nach Fisch, Diesel und versäumten Gelegenheiten schmeckte. Der kurze Sommerrausch vom Feiertag? Ein ferner Traum, zerplatzt wie eine Seifenblase in einem Stacheldrahtverhau.

Es ist diese norddeutsche Grausamkeit, die einen daran erinnert, dass das Universum uns nichts schuldet. Ich taufte dieses Wetter innerlich „Tief Florian“. Es war ein passiver, aggressiver Druck in der Luft, wie die Laune eines Buchhalters, der merkt, dass ihm am Ende des Fiskaljahres drei Cent fehlen und der nun entschlossen ist, der Welt die Laune zu verderben. Während ich in Richtung Hamburg rollte, fraß sich die Feuchtigkeit durch die Jackenfasern bis auf die Haut. Es ist diese Art von Kälte, die Henry Miller wohl als „die totale Abwesenheit von göttlichem Sperma“ bezeichnet hätte – eine sterile, fruchtlose Kühle, die nichts wachsen lässt, außer Groll. Ich sah aus dem Fenster und sah nur das Grau des Kanals, das wie flüssiges Blei in den Gräben der Erinnerung lag.

Die Reise in den Bauch der Bestie

Die Fahrt nach Hamburg war eine Reise durch das Fegefeuer der A7. Baustellen, die wie offene Wunden im Asphalt klafften, und der Regen, der unaufhörlich gegen die Scheibe peitschte – ein Rhythmus des Scheiterns. Mein Kopf war voll von Tabellenrechnern, dieser modernen Folter für den Fan eines abstiegsbedrohten Klubs. Wir klammern uns an Zahlen, als könnten sie uns vor dem Absturz bewahren, dabei ist Fußball doch reine Alchemie. Schweiß in Gold verwandeln – oder, wie an diesem Samstag, Gold in billiges Blei.

Ich dachte an die Jungs. An Treu, an Vasilj, an all die anderen, die gleich da unten in den Schlamm steigen würden. Es gibt eine Schönheit im Überlebenskampf, die der gesättigte Fan von Bayern München niemals verstehen wird. Es ist die Schönheit einer Ratte, die in der Ecke in die Enge getrieben wird und plötzlich anfängt, wie ein Gott zu beißen.

Millerntor, 15:15 Uhr: Das Flehen der Gläubigen

Das Stadion ist unsere Kathedrale aus Beton und Schweiß, ein Ort, an dem wir versuchen, die Schwerkraft des Alltags für 90 Minuten aufzuheben. Wenn man durch das Viertel geht, spürt man das Beben schon in den Fußsohlen. Die Wohlwillstraße atmet Bierdunst und Hoffnung aus. Daggi, die Hohepriesterin des Mikrofons, animierte uns, Nikola Vasilj den Ehrentitel „Fußballgott“ entgegenzuschleudern. Und wir taten es. Wir brüllten es in den grauen Hamburger Himmel, bis die Stimmbänder vibrierten wie überdehnte Saiten einer billigen Gitarre.

Es war ein kollektives Gebet. Wenn man Nikola dort stehen sieht, stoisch, eine Säule aus Gelassenheit inmitten des Chaos, dann glaubt man kurzzeitig an eine Ordnung im Universum. Er hat etwas von einem biblischen Wächter, der die Fluten zurückhält. Später, als das Adrenalin sich wie Säure in meine Magenschleimhaut fraß, dachte ich: Warum nur er? Warum nicht das Prinzip Union Berlin? Warum taufen wir nicht jeden unserer Jungs, die dort unten ihre Knochen für diesen magischen, maroden Verein hinhalten, zum Gott? Verdient hätten sie es. In einer Welt, die uns nur noch Nummern und QR-Codes zuweist, ist die Erhebung zum Fußballgott der einzige Akt der Rebellion, der uns noch bleibt. Es ist eine heilige Obszönität, einen Sterblichen zum Gott zu erklären, nur weil er einen Ball aus der Ecke fischt.

Millerntor, 17:00 Uhr: Die Anatomie eines kleinen Geistes

Und dann kam der Auftritt des Antichristen in Kurzarm. Es gibt Schiedsrichter, die betreten den Rasen wie Dompteure. Ein Deniz Aytekin etwa, der sein Ego wie einen prunkvollen Mantel vor sich her trägt – man mag es hassen, aber es hat Format. Es ist ein theatralischer Exzess, ein barockes Schauspiel der Autorität. Und dann gibt es jene, die wie Florian Exner über den Platz pflügen.

Exner erinnerte mich an einen jener blassen Prozessfetischisten, die abends ihre Bleistifte nach der Härte ihrer Minen sortieren. Er wollte nicht leiten, er wollte richten. Er betrachtete das lebendige, pulsierende Spiel durch die trübe Linse eines Paragraphenreiters. Es war eine Form von juristischem Sadismus. Er wirkte wie ein Mann, der in der Schule immer die Hausaufgaben der anderen kontrolliert hat und sich nun an der Macht berauscht, die ihm eine Trillerpfeife und ein Stück gelber Kunststoff verleihen.

Er war beides: eine kleinliche Pfeife und eine minderwertgefühlte Spießernatur. Er hatte Angst vor der Magie des Millerntors, Angst vor der unbändigen Energie von 30.000 Menschen, die nichts als Ehrlichkeit verlangen. Und weil er diese Energie nicht verstehen konnte, versuchte er, sie zu ersticken. Mit großen Gesten der Bedeutungslosigkeit stülpte er sein verkümmertes Ego über den famosen Kampf unserer Boys in Brown. Er pfiff nicht gegen den Regelverstoß; er pfiff gegen die Existenzberechtigung der Leidenschaft.

Die Invasion der „Düsseldorfer aus Schwaben“

Dabei war das Spiel eine Ode an den Widerstand. Philipp Treu wühlte sich durch das Gras, als suchte er dort nach dem Heiligen Gral der Defensive – zweikampflustig, verbissen, ein Terrier mit dem Herz eines Löwen. Man sah den Schweiß von seiner Stirn fliegen, eine physische Manifestation von Willenskraft. Und Vasilj? Ein Titan. Er hielt den Kasten sauber, während um ihn herum die Welt in gelben Karten versank.

Erst als Exner seine tiefe Unlust offenbarte, die Regeln dieses „Beautiful Game“ gegen die Zeitspiel-Akrobaten durchzusetzen, kippte die Stimmung. Mein Nebenmann in der Nord – ein Typ, der aussah, als bestünde seine Diät ausschließlich aus Astra und sehr potentem Gras – nannte die Stuttgarter treffend die „Düsseldorfer aus Schwaben“. Eine perfekte Beleidigung. Diese Mischung aus süddeutscher Arroganz und rheinischem Schmierentheater.

Diese Spieler, diese feingliedrigen Artisten der Simulation, bewegten sich mit einer Plastizität, die einen krank machen konnte. Jede Berührung wurde zu einem sterbenden Schwan aufgeblasen. Wenn sie eine Ecke bekamen, zelebrierten sie den Weg zur Fahne wie eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Sie schindeten Zeit wie Pfandleiher die Zinsen. Und Exner? Er schaute zu. Er ließ es geschehen. Er war der Komplize der Lethargie. „Einer der beiden in Gelb hat heute eine Weltklassepartie gespielt“, lallte mein kiffender Nachbar und deutete mit seinem Joint auf Vasilj. Der andere in Gelb – die kleine, flackernde Leuchte Florian – war damit definitiv nicht gemeint. Er war der Schatten, der das Licht auslöschte.

Das Massaker der Karten

Dann kamen die Karten. Diese gelben und roten Blitze der Ungerechtigkeit. In Millers Welt wäre das der Moment gewesen, in dem die Zivilisation endgültig zusammenbricht. Es war kein Sport mehr; es war eine Exekution der Hoffnung. Die kleine gelbe Leuchte griff nachhaltig in den Abstiegskampf ein. Zwei Gelb-Rote Karten, die ein souveräner Spielleiter niemals gebraucht hätte. Es war, als wollte Exner die Geschichte des Spiels umschreiben, als wollte er der Regisseur eines Dramas sein, das er nicht verstanden hat.

Die Stille nach dem Platzverweis war lauter als jeder Jubel. Es war die Stille der Ohnmacht. Wir standen da, 30.000 Geschlagene, und sahen zu, wie ein Mann in Gelb die Arbeit von Monaten mit einer Handbewegung entwertete. Er schritt über den Platz wie ein kleiner Napoleon des Regelwerks, unberührt von der Zerstörung, die er anrichtete. Vielleicht macht mich das so nachhaltig sauer auf Tief Florian: Diese absolute, sterile Unberührtheit gegenüber dem menschlichen Drama.

Altona, 10:00 Uhr am Sonntag: Der moralische Kater

Jetzt sitze ich hier in Altona. Die Sonne versucht halbherzig, durch die Wolken zu brechen, aber in mir drin herrscht immer noch „Tief Florian“. Das Viertel erwacht langsam, die Leute holen ihre Brötchen, als wäre gestern nichts passiert. Aber in den Cafés rings um den Alma-Wartenberg-Platz sieht man die Gesichter. Sie sind gezeichnet. Ein kollektiver Kater, der nichts mit Alkohol zu tun hat, sondern mit der Verdauung von Ungerechtigkeit.

Sicher, im „echten Leben“ ist dieser Exner bestimmt ein feiner Kerl, einer, der alten Damen über die Straße hilft und pünktlich seine Kehrwoche macht. Vielleicht spielt er Flöte oder sammelt Briefmarken. Aber auf dem Platz? Da mutiert er zum Destruktor. Er wird zum Symbol für alles, was im modernen Fußball falsch läuft: Die Macht der Technokraten über die Träumer.

Ich sage es, wie es ist: Wenn er nicht aufpasst, wird er eines Morgens aufwachen und die Quittung der Natur spüren. Er wird mit schwärenden Furunkeln am Gesäß aufwachen, die nicht weggehen wollen – ein physisches Manifest all der schlechten Entscheidungen, die er an diesem Sonnabend getroffen hat. Die Natur rächt sich immer. Henry Miller hätte ihm die Syphilis des Geistes gewünscht, eine unaufhaltsame Zersetzung seiner moralischen Substanz. Denn die Magie des Millerntors lässt sich nicht ungestraft verdunkeln. Es gibt eine kosmische Gerechtigkeit, die weit über das Regelwerk des DFB hinausgeht.

Die Ewigkeit des Widerstands

Die kleine, geltungssüchtige Seele von Florian hat versucht, ein Feuer zu löschen, das sie niemals selbst entfachen könnte. Das macht mich nachhaltig sauer. Aber wissen Sie was? Er hat versagt. Ja, wir haben Punkte verloren. Ja, die Tabelle ist ein hässliches Monster geworden, das uns aus der Tiefe angrinst. Aber er hat uns nicht gebrochen. Im Gegenteil.

Der Hass auf Exner ist der Klebstoff, der uns zusammenhält. Wir werden nächste Woche wieder da sein. Wir werden wieder Vasilj zum Gott erklären. Wir werden wieder unsere Lungen leeren, bis wir schwarz vor Augen werden. Wir sind St. Pauli. Wir sind die unendliche Geschichte des Scheiterns und des Wiederaufstehens. Wir sind der Schlamm, der an den sauberen Schuhen der Bundesliga klebt.

Und Florian? Florian sollte sich wirklich ein Monatsticket besorgen. Nimm den Bus, Florian. Nimm die Bahn. Meide das Auto. Denn in unseren Träumen wissen wir nicht nur, wo dein Auto steht – wir wissen auch, dass du eigentlich gar nicht am Steuer sitzen solltest, wenn es um die großen Gefühle geht. Du bist ein Passagier des Lebens, Florian, kein Pilot. Wir aber, wir sind der Motor. Kaputt, laut, stinkend, aber wir laufen. Und wir werden laufen, lange nachdem dein Name nur noch eine hässliche Fußnote in der Geschichte dieses Spiels ist.




Comments

4 Antworten zu „Schiri, Wir Wissen Wo Dein Auto steht“

  1. Avatar von Annette Tenedini
    Annette Tenedini

    Im Nächsten Spiel mit Ersatztorwart, es könnte den Abstieg bedeuten 🙁

    1. Avatar von Erik

      Im nächsten Spiel, Ben Voll einfach Fußballgott rufen, dann klappts 😉

  2. Avatar von Chris

    Und Ben ist zumindest ein Halb-Gott

    Auch der Exner konnte nicht verhindern. Die Nummer 1 der Stadt sind wir!!!

  3. […] Fußballfan würde das nicht autoempirisch bejahen können. (Nur in einer absurden Welt, kann es Schiedsrichter wie Herrn Exner geben […]

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